Was uns bewegt - Kolumne Köln - (c) M. Yaprak © M. Yaprak

Was uns bewegt - Was passiert hier eigentlich gerade? Kolumne Melek Yaprak

von Portrait von Melek Yaprak Melek Yaprak
Veröffentlicht am 10. Mai 2020

Schaut euch mal um. Was seht ihr? Wie spät ist es? Wo seid ihr? Atmet tief ein und aus. Schließt die Augen. Atmet in den Bauch. Rotzt einmal ins Taschentuch und befreit euch von den Mai-Pollen. Dann stellt euch noch mal diese Frage: Was passiert hier gerade eigentlich? Fühlt. Denkt nicht. Und dann erzählt es mir. Ich fange an:

50° 56′ N , 6° 57′ O.

Was ist das? Nein, keine Waschanleitung, auch keine Zugang zu meinem nicht vorhandenem leeren Tresor voll mit wertvoller Luft.
Wenn ich mir ein Tattoo machen wollen würde, würde ich mir diese Angaben auf meinen schönen Po tätowieren. Mit einer schmeichelnden Kompassrose. Denn das sind die Koordinaten von Köln. Oh Köln - Colonia Claudia Ara Agrippinensium, kurz CCAA! Du holde Stadt, ich knie mich vor dir nieder, vor deinem gruseligen doch anmutig erscheinenden Dom, vor deinem punktuell beeindruckenden Stadtbild, vor deinem Rhein, vor deinen Grünflächen, vor der jährlichen ernstzunehmenden Lebensgefahr, eine billige Tafel Schokolade an den Kopf gescheuert zu bekommen, weil Jecken mit Flecken necken.

Ich schaue ins Weltgeschehen und was ich sehe bringt mich zum Nachdenken. 09.54 Uhr, Agnesviertel, mein Weg zum Bäcker Merzenich auf der Neusser Straße. Ich muss sagen, ich habe schon in vielen Ländern gelebt, vieles Exotisches probiert: street food, slow food, feel good - aber die handgemachten Brötchen gibt’s nur hier bei Herrn Bernhard Merzenich! Ein schöner Morgen im Mai und wie zu erwarten kommen viele andere Menschen auf die gleiche Idee, sich die wohlverdienten Sonntagsbrötchen zu holen.

Was passiert hier gerade eigentlich?
Ein Bäcker, der seinem Handwerk nachgeht, Menschen, die den Verkauf machen und ihr Geld verdienen, auf der anderen Seite, Menschen, die hier anscheinend gerne ihr Geld ausgeben auf der anderen. Wow. Ein ganz einfacher Kreislauf. Es beeindruckt mich.
Ich stehe in der Schlange. Alle halten ca. 1 Meter Abstand, das finde ich großartig, denn nirgends wird die Diskretion so gut eingehalten wie in Deutschland und 1996 auf unserem Klassenausflug nach London vor dem Buckingham Palast. Muss ja nicht gleich jeder wissen, welche Vorlieben ich in der Brötchenwahl habe. Diskretion ist sehr wichtig, vor allem wenn man wie ich zuvor 3 Jahre in der Türkei gelebt hat. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal in einer Bankfiliale stand. Ich hielt natürlich den deutschen Normen gerecht Abstand. War nicht nötig, denn lautstark verkündetet die Dame am Schalter die Transaktion: „Der Betrag von 768,90 Lire an die Flirthotline der „baliketli sexy ev kadinlari“ (sexy Hausfrauen mit Hüftgold) zahle ich sofort in Bar ein, Herr treuer Kunde Kerem Kahramanoglu." Als ich an der Reihe war, wurde ich Opfer einer ebenso lautstarken Verkündung meines Kontostandes. Mit einem Minus davor natürlich. Und auch alle anderen in der Bankfiliale wussten, dass mein letztes Geld für eine Flasche Wein drauf ging. (Was soll ich machen, in der Türkei ist Alkohol teuer.)
Ordnungsgemäß lege ich die Münzen auf die gewünschte Münzablage und verlasse die Bäckerei. Sehr freundlich machen mir die anderen in der Schlange großzügig Platz, fast ehrfürchtig.
Ich schlendere mit meiner Brötchentüte über den Platz der Agneskirche. Die zweithöchste Kirche in Köln. Ich höre Orgelmusik. Es zieht mich magisch rein. Am Eingang steht ein Pult, davor ein Mann, ein Türsteher.
„Stehen Sie auf der Liste für den Gottesdienst?“, fragt er mich.
„Es gibt eine Liste?“
„Ja, Sie müssen sich neuerdings anmelden, damit der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann.“
„Wow“, denke ich, „wie toll“. Man gebührt dem Altar einen respektvollen Sicherheitsabstand. Natürlich, der Pfarrer braucht ja genug Luft zum Atmen. Aber leider stehe ich nicht auf der Liste. Es gibt auch keine V.I.P. - Liste, so wie damals vor dem beliebtesten Club auf Ibiza, in den eine Handvoll privilegierte Kölner immer reingekommen sind. Ich sehe Menschen ihren Namen beim Türsteher sagen und reingehen.

Was passiert hier gerade eigentlich? Man nimmt sich Zeit für ein Statement und es vor Gott abzulegen. „Wie schön“, denke ich.

Ich laufe hinter der Agneskirche lang und ich erblicke 7 Mülltonnen, die bis zum Rand voll sind. Plastik, Papier und Restmüll. Ja, auch die Agneskirche macht Müll und deponiert diesen kleinen Schandfleck da, wo man ihn nicht auf den ersten Blick sieht, nämlich hinten. Hier hinten blitzt mir ein weißer Hintern entgegen, am Hintern hängt ein knochiger Mann, ein Obdachloser, der sein Schlafquartier am imposanten Hinterausgang und vor den gelben Tonnen aufgeschlagen hat. Beim Bücken rutscht ihm immer die Hose runter und als er sieht, dass ich ihn sehe, ist er sichtlich beschämt. Das Szenario, was sich mir bietet ist so komisch wie traurig zu gleich und ich bekomme in den paar Minuten einen Einblick in das Leben dieses Mannes. Er hat eine sehr unterhaltsame Erzählweise, die mich fesselt und alles nimmt einen komödiantischen Lauf an.
„Heyyy, ich kenne dich!“ ruft er. „Vom Kiosk, ne?!!!“
Ich kaufe niemals etwas beim Kiosk.
Sein Name ist Jens. Er muss so um die 50 sein, hat einen grauen Schopf voll mit langem Haar, eine skinny Jeans, eine braune Lederjacke, stylisch ausgelaufene Sneakers und Halbhandschuhe aus Lammfell an. Er könnte auch auf der Fashion Week laufen, als ausgehungerte  Modeerscheinung, abgeranzt in stylisch gekonnt zerrissenen Klamotten. Er erzählt munter und hektisch, kramt in der REWE-Tüte nach einer Zigarette. Er hat 30 Jahre Kunst in Berlin studiert. Davor war er Steuerberater. Er nimmt keine Drogen. Nur Speed, aber dafür würde er nicht mehr kiffen. Wie er denn nach Köln komme, frage ich ihn. Nach dem Knast sei er irgendwie in Köln gelandet. In Köln wäre man immer freundlich. (Alle, die mich kennen, wissen jetzt, welche Geschichte ich zu Berlin und Freundlichkeit erzählen kann. Die einzige Stadt, in der ich wegen zu viel guter Laune aus Establishments geflogen bin. Nagut, vielleicht sind 12 freundlich, offene Kölner akkumuliert auf engem Raum den Berlinern zu viel. Und natürlich spielten da noch andere Faktoren eine Rolle. Hinterlasst einen Kommentar, wenn ihr die ganze Story lesen wollt.)

Warum er denn im Gefängnis war frage ich. „Kunstfälschung!“ ruft er und macht sich die Fluppe an.
Sein Zuhause: Eine Matte, ein Kassettenrekorder, ein Löwenkuscheltier, eine leere Flasche Wein, eine dünne Decke.
„Ist dir nachts nicht kalt?“ frage ich ihn.
„Ja klar, hast du n’ Schlafsack??? Mir haben sie meinen geklaut! Oder Schuhe, du hast genau meine Größe! Die vielleicht?“ Er zeigt auf meine Adidas Nizza, die ich ewig im Netz gesucht habe, weil sie eine Rarität sind und einfach geil an mir aussehen. Mist, denke ich. Gerade die. Ich bin in einem Zwiespalt. Seine sind so abgefuckt, ich überlege kurz, aber dann lenke ich ab
„Warum hast du keine Socken?" frage ich ihn.
„Geklaut“, nuschelt er.
Ich habe einen Geistesblitz. Mir kommt sofort eine Podcast-Folge von Laura Melina Seiler in den Kopf, in der sie Perrin Schober zu Gast hatte. Perrin bietet in Österreich Stadttouren mit Obdachlosen als Guide an. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sie sagte, dass sie einen Beitrag in dieser Gesellschaft leisten will. Jeder Obdachlose hat eine eigene Geschichte. In dieser Podcast-Folge spricht sie darüber, dass sie ihre Idee irgendwie bekannt machen musste, damit Leute diese Touren buchen. Anfangs waren es Klassenausflüge. Einer 16-jährigen aufmerksamen Besucherin fiel auf, dass Socken bei Obdachlosen Mangelware sind und kaum gespendet wurden. Hieraus entstand eine Welle, dessen Ausmaße man sich vorher nicht vorstellen konnte: Alle Schulen, die solch eine Tour gebucht hatten wurden zu einer Socken-Spende aufgerufen. Diese wurden nicht nur verteilt, sondern auch zu einem Marketing Tool auf gleich zwei Wegen: 1. Obdachlose sehen den Aufdruck mit „Shade Tours“ auf ihren Socken, informieren sich und werden selber Guides.
2. Socken eigenen sich wunderbar als Merchandising Objekt: Kann man nie genug haben, warme Füße - angenehme Tour, Hingucker, Geschenkidee etc. etc.

Ich halte kurz inne, während er weiter erzählt und Agnes, die Kirche, lauthals mit ihren Glocken alle anbrüllt, dass jetzt gefälligst endlich die, die auf der Liste stehenden zum Gottesdienst kommen sollen. (Obwohl es sehr laut ist, ist es kein Vergleich zu dem, womit die Moscheen in der Türkei brüllen.)

Was passiert hier eigentlich gerade?

Ich erlebe diesen Moment bewusst, nehme mir Zeit, mit einer fremden Randgruppenperson zu sprechen und mich an eine Podcast-Folge zu erinnern, die mich damals richtig inspiriert hat. Es ist so, als würde die Welt still stehen, die sich mit gigantischen 960 km/h auf unseren Breitengraden dreht. In meiner Fantasie schaue ich gerade vom All auf mich runter und erkenne: Nichts. Ich bin nur ein kleiner winziger Punkt, der 7 Minuten seiner Zeit investiert, um ein- und auszuatmen und zu beobachten (sofern ein Punkt Zeit haben kann.) Jens mustert mich.
„Wie alt bist du?“, fragt er. Er scheint zwischengeschlechtliches Interesse an mir zu haben.
Er lächelt schelmisch und lehnt sich lässig an seinen Edeka, 3 Rad-Vollantrieb-1-Rad ist leider kaputt-Einkaufswagen und zupft an seiner Lederjacke.
„Ich bin eigentlich noch topfit, habe nur schlechte Zähne!“, versichert er mir und zwinkert.
„Ich bringe dir später Socken“, sage ich ihm und drehe mich um.
Er ist ganz aufgeregt.
„Ja, wann denn ungefähr?? Damit ich hier bin!“
Krass, denke ich, ein Satz mit einem kleinen Versprechen, kann einem Menschen so viel Hoffnung machen. Jetzt musst du dieses Versprechen auch einhalten, Melek, sage ich zu mir.
 
Nachtrag: Ein Tag später freute sich Jens besonders über die tannengrünen Socken mit Glitzer von Weekdays.
„Passt zu meinem Anzug“ sagte er.