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Von Hexennasen und dem Schönheitsdrang der Stars

von Portrait von Thilo Nemitz Thilo Nemitz
Veröffentlicht am 13. Februar 2015

Es muss schon über 20 Jahre her sein. Wir saßen in beschaulicher Runde vor unserem Röhrenfernseher und schauten uns ein Familienvideo an. Da traf es mich plötzlich wie ein unheilvoller Blitz. Noch nie zuvor hatte sich mein jüngeres Ich so deutlich im Profil gesehen, weswegen ihm auch noch nie das große Segel aufgefallen war, das da anstatt einer handelsüblichen Nase aus seinem Gesicht ragte. Der Schock war groß, da ich mich damals immer noch im Besitz meiner Stubsnase aus Kindheitstagen wähnte. Doch die Pubertät schien andere monströse Pläne mit mir zu haben.

Was folgte waren unzählige Sticheleien und Hänsel-Orgien in der Schule, die das Schicksal scheinbar zur Charakterstärkung für mich vorgesehen hatte. Es war fast so, als hätten meine Klassenkameraden ebenfalls unser Familienvideo mitgeschaut, so zeitgleich rief mein neuer Zinken allgemeine Belustigung auf den Plan. Die meiste Zeit konnte ich meinen neuen Spitznamen „Naso“ mit einem Achselzucken fort lächeln. Doch ich gestehe, dass ich mich in schwächeren Zeiten schon über die Möglichkeiten einer OP informiert hatte. Die Aussicht mir für Geld die Nase brechen zu lassen und erstmal nur noch durch den Mund atmen zu können, hielt mich jedoch glücklicherweise von diesem Schritt ab.

Ich sage glücklicherweise, weil meine erste Kontaktaufnahme mit dem weiblichen Geschlecht all meine Komplexe in Luft auflöste. Plötzlich bekam ich positiven Zuspruch und wurde als „Charakterkopf“, „griechisches Profil“ oder „männlich markant“ bezeichnet. Nichts bringt hänselnde Mitschüler besser zum Schweigen, als die hübsche Freundin, die vor der Schule mit Küssen und Umarmungen wartet. Diese Erfahrung lehrte mich auf der einen Seite die Subjektivität in der menschlichen Wahrnehmung und auf der anderen Seite eine gesunde Skepsis, wenn ein unterdurchschnittlich intelligenter Mob Wege sucht die eigene Unzulänglichkeit durch Angriffe auf andere zu kaschieren.

Allerdings muss ich an dieser Stelle auch einräumen, dass ich in gewisser Weise Glück mit meinem Geschlecht habe. Denn was in meinem Gesicht, in einem Meer von anderen Ecken und Kanten, als „männlich markant“ durchgeht, könnte im Kontrast mit den sanften Rundungen einer Frau eher fehl am Platz wirken. Jetzt höre ich natürlich schon die Aufschreie, dass es doch ohnehin auf die inneren Werte ankommt und auch Frauen mit großen Nasen attraktiv sein können. Klar, können sie das, unbestritten. Aber wer noch nie wegen einem scheinbaren körperlichen Makel gehänselt wurde, hat eigentlich ohnehin kein Mitspracherecht. Ich kann es absolut nachempfinden und verstehen, wenn eine junge Frau sich eine Höckernase wegoperieren lässt, um endlich keine seelischen Schmerzen mehr zu erfahren. Wenn einer Frau durch eine verhältnismäßig ungefährliche Operation ein ganz neues Selbstwertgefühl und damit Lebensqualität gegeben werden kann, dann sollte dem wohl nichts im Wege stehen. Anders sieht es natürlich aus, wenn sich Männer ihr Fett absaugen lassen, ohne auch nur einmal in ihrem Leben ernsthaft Sport gemacht zu haben. Letztendlich muss jeder selber wissen, ob er sich bei Dr. Kloeppel „unters Messer legt“. Ich finde nur, dass im Zeitalter von einer niemals dagewesen multimedialen Beeinflussung durch das Internet genau abgewogen werden sollte, was für das persönliche Leben sinnvoll, und was vielleicht nur durch Hollywood-Stars erzeugter Schönheitswahn ist.

Doch woher stammt eigentlich dieser Schönheitswahn der Stars? Natürlich scheint die Frage auf der Hand zu liegen. Wer eine Person des öffentlichen Lebens ist und noch dazu auf der Bühne oder in Filmen zu sehen ist, wo den Zuschauern meist eine heile und schöne Welt gezeigt werden soll, versucht natürlich sein körperliches „Kapital“ zu optimieren. Doch nicht nur eine besondere Berufung zum Schauspieler löst diesen Drang zur äußerlichen Perfektion aus. Schon in der Antike galt bei Platon die "Kalokagathia" als das zu erstrebende „griechische Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit“. Das Schöne war auch immer gleichzeitig moralisch gut und umgekehrt. Und auch später im Mittelalter wurde das von Gott geschaffene Äußere als Spiegel des Inneren eines Menschen angesehen. Pech, wer da mit einer Hexennase rumlaufen und mit ständigen Anschuldigungen leben musste. Wer hässlich war, hatte es schwer, denn so ein „Kainsmahl“ wurde als eine Art Gottesstrafe für moralische Verfehlung gehalten. Insofern hat der Drang des Menschen zur makellosen Schönheit sehr alte und tiefe Wurzeln, die auch unsere aufgeklärte Welt nicht ohne weiteres aus der Erde ziehen kann.

Trotzdem sollte sich der durchschnittlich schöne Mensch seiner Vernunft bedienen und in einer künstlichen Welt von nachbearbeiteten Facebook-Fotos nicht den Sinn für das Wesentliche verlieren: Das, was unter der Oberfläche liegt und dem Zahn der Zeit auch ohne Botox trotzt. Im Grunde muss jeder selber entscheiden, wie sehr er der Natur nachhelfen möchte, um einem persönlichen Ideal näher zu kommen. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, eine Nase zu richten, kann das Leben schöner machen. Doch wer sich wie Kim Kardashian eine Generalüberholung gönnt, die bis zum Hintern runterreicht, der darf sich auch nicht wundern, wenn er bei Southpark einen ungewollten Gastauftritt als Hobbit bekommt. Natürlich beflügeln die Kurven von Frau Kardashian die Fantasie vieler Männer, doch sollten sich junge Mädels deshalb ihren Umgang mit Schönheits-OPs zum Vorbild nehmen? Die Frage kann vielleicht teilweise durch die Zusatzinformation beantwortet werden, dass der Riesen-Po einer Frau gehört, die ihre Tochter im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten „North“ nennt, obwohl ein Rapper mit dem Nachnamen „West“ der Vater ist. Ich wiederhole mich, wenn ich sage: Erst Hirn einschalten, dann unters Messer legen.

Und ich möchte mich in aller Form bei allen Hobbits unter den Lesern entschuldigen. Hobbits haben vortreffliche Hintern.

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