©

Virtueller Tourismus: Besucher treten mittels VR-Tour durch Ost-Berlin hinter den Eisernen Vorhang

von Portrait von Christine Pittermann Christine Pittermann
Veröffentlicht am 10. September 2019

Wer sagt, dass man die Welt nicht vom Sofa aus erkunden oder historische Plätze zum Zeitpunkt jener Epochen, welche diese Plätze so historisch machten, bewundern kann? Was vor Jahrzehnten noch pure Fiktion aus Büchern und Filmen war, ist mittlerweile Realität geworden und besitzt sogar eine eigene Bezeichnung – Virtual-Reality-Tourismus.

Dank bedeutender Innovationen innerhalb der letzten Dekade hat sich die Virtuelle Realität seit kurzem von einer plumpen Modeerscheinung der 90er Jahre zu einer enorm boomenden Branche entwickelt. Immer mehr Großunternehmen tüfteln mittlerweile mit Hochdruck daran, VR in ihre Produkte zu implementieren – und dabei reden wir hier schon lange nicht mehr nur von Herstellern von Computerspielen oder eSports.

Glücksspielanbieter wie Betway zum Beispiel arbeiten aktuell daran, ihren Kunden eine Möglichkeit zu bieten, in eine glamouröse 3D-Casino-Welt einzutauchen, während diese zuhause in Jogginghose und Pantoffeln am Sofa sitzen. Luftfahrtgesellschaften wie die Lufthansa offerieren einem Teil ihrer Fluggäste mittlerweile verschiedene VR-Erlebnisse während der Reise an, um die Zeit besser zu überbrücken – und dank des von der NASA inspirierten VR-Erlebnis BBC Home kann man mittlerweile sogar von zuhause aus im Weltraum spazieren gehen.


Kombiniert man heutzutage VR mit anderen Technologien wie Fotogrammmetrie sowie 360-Grad-Videoaufnahme, ist man plötzlich in der Lage, virtuell zu Zielen auf der ganzen Welt und darüber hinaus zu reisen, ohne die Couch oder den Sessel verlassen zu müssen – der Zeitpunkt spielt hierbei auch keine Rolle mehr, wie zum Beispiel bei einem virtuellen Trip hinter den Eisernen Vorhang.

Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer können Besucher der deutschen Hauptstadt, Berlin, dank einer neuen Virtual-Reality-Tour sehen, wie es seinerzeit hinter dem Eisernen Vorhang aussah. Die VR-Tour mit dem Namen Time Ride beginnt in der Nähe des berüchtigten Grenzübergangs Checkpoint Charlie zwischen Ost- und West-Berlin und zeigt den Besuchern, wie sich die Stadtteile seit dem Mauerfall verändert haben.

Die Berliner Mauer wurde 1961 von der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) errichtet, um die Flucht nach West-Berlin in die Bundesrepublik Deutschland zu verhindern.

Diese war stets schwer bewacht, bis sie im November 1989 nach Demonstrationen während der sogenannten „Friedlichen Revolution“ schließlich abgerissen wurde.

Time-Ride-Gründer Jonas Rothe sieht die Tour als Gelegenheit zum Nachdenken an: „Als wir all das hier kreierten, fragte ich mich immer wieder, was bedeutet das für mich? Was wäre passiert, wenn alles anders gekommen wäre, wenn es nicht die Friedliche Revolution von 1989 gegeben hätte? Um diese Frage weiter zu stellen, ist es wichtig für die Gesellschaft sowie für unsere Geschichte den Fall der Mauer als auch die Friedliche Revolution stets weiter im Fokus zu behalten. Das wollen wir hiermit tun.“


Die Tour offeriert außerdem auch Zeugnisse und Geschichten von jenen Menschen, die aus dem Osten in den Westen geflohen sind.

Roth fügte hinzu: „Ich denke, die am häufigsten gestellte Frage am Checkpoint Charlie ist: ‚Wo ist die Mauer?‘ Und diese Mauer zu schaffen und sie erlebbar zu machen, bringt eine gewisse Verantwortung mit sich, aber auch die Chance, die Menschen dazu zu bringen, darüber nachzudenken, wie es damals war und was wir daraus lernen können.“

Möglich machen solche faszinierenden virtuellen Erfahrungen verschiedene VR-Plattformen wie zum Beispiel jene von Realities.io

Realities ist eine VR-Reise-App, mit der Benutzer gescannte und modellierte reale Umgebungen erkunden können. Bei den Umgebungen handelt es sich nicht nur um 360-Grad-Fotos, sondern um Orte, die mit speziellen Scan-Geräten erfasst wurden, um ein beeindruckendes Rendering in der virtuellen Realität zu ermöglichen.

Die Benutzeroberfläche ist ein riesiger Globus, den der User mit dem VR-Controller in alle Richtungen drehen kann. Sobald man sich für den Ort entschieden hat, den man besuchen möchte, tippt man einfach auf den Bereich auf der virtuellen Weltkugel und man wird sofort zum exotischen Gebietsschema geführt.

Ein äußerst interessantes Ziel bietet zum Beispiel eine Gefängniszelle im berüchtigten Alcatraz-Gefängnis. Sobald man in der Gefängniszelle ankommt, wird man von einem unsichtbaren Erzähler begrüßt, vermutlich einem ehemaligen Gefangenen in der Zelle, der sich an seine Erfahrung erinnert. Das ganze ist jedoch sehr musealen gehalten und bietet einen pädagogischen Erfahrungswert. Es existieren aber natürlich noch viele weitere interessante Destinationen unterschiedlicher Größe und Komplexität – und hoffentlich werden in naher Zukunft noch viele weitere hinzukommen.

Man kann die Realities-App im Steam Store von Valve erwerben.


Das Softwareunternehmen entwickelte außerdem einen weiteren kostenlosen und experimentellen VR-Titel namens Destinations.

Mittels Destinations kann man als Nutzer herumlaufen und verschiedene von Entwicklern und der Community erstellte virtuelle Standorte besuchen. Diese Ziele können Faksimiles von realen Orten sein, wie zum Beispiel der Londoner Tower Bridge, oder weiter entfernte Orte wie der Mars (komplett mit gescanntem Gelände von der NASA). Es gibt aber auch vollständig erfundenen Ziele, einschließlich eines virtuellen Museums, das dem Spiel „Skyrim“ gewidmet ist.

Valve hat soziale Elemente hinzugefügt, die es Benutzern ermöglichen, die Kreationen anderer Benutzer zu besuchen. Man hat sogar einige spielähnliche Ziele erstellt, um Social-VR-Gaming zu fördern. Es wird interessant sein zu sehen, was Valve in Zukunft hinzufügt und was die Benutzergemeinschaft hier noch aufbaut.