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Die Annäherung an die Grenzen menschlicher Fähigkeiten

von Portrait von Christine Pittermann Christine Pittermann
Veröffentlicht am 5. März 2019

Am 3. Juni 2017 zog sich Alex Honnold seine Kletterschuhe an, kalkte seine Finger ein und verbrachte anschließen drei Stunden und 56 Minuten damit, den El Capitan ohne technische Hilfsmittel zu besteigen. Er ist damit die erste und einzige Person, die den 3.000 Fuß hohen und glatten Granitfelsen im Yosemite Valley, dem Klettermekka für Freeklimber, im Alleingang erfolgreich erklimmen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es lediglich eine Idee den El Capitan ohne technische Hilfsmittel zu meistern. Viele Weltklasse-Kletterer hatten es auch nicht nur im Gedanken in Erwägung gezogen, dies zu schaffen, und umgesetzt hatte es bis dahin noch niemand. Keiner hielt es für möglich sich in diese Dimensionen menschlicher Hochleistung zu katapultieren. Honnolds großartige Leistung wurde anschließend auch im mehrfach ausgezeichneten Film, „Free Solo“, von National Geographic dokumentiert. Dieser Streifen zeigt Honnolds unglaubliche Willenskraft, seine sorgfältige Planung und sein unerschütterliches Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten.
 

Während viele Menschen freies Klettern, also die Kunst des Kletterns ohne Seil oder anderer technischer Hilfsmittel, als unverantwortlich und gemeingefährlich beschreiben, sind sie aber gleichzeitig ebenso beeindruckt und fasziniert von dieser unglaublichen Leistung. Dies war bei weitem nicht der erste freie Solo-Aufstieg von Honnold, aber damit hatte er definitiv den Olymp der Freeklimber-Szene erklommen. Er kletterte in Rekordzeit die Route hinauf zum El Capitan, die als Freerider bekannt ist, und dessen Aufstieg zum Gipfel dieses Berges normalerweise von erfahrenen Kletterern mit Seilen mehrere Tage in Anspruch nimmt. Honnold brachte es aber zu Wege im Alleingang ohne Seil in weniger als 4 Stunden sein Ziel zu erreichen.

Die Vorbereitung für den Aufstieg war entscheidend für den Erfolg, da ein Misserfolg bei diesem Versuch keine Option sein konnte. Um Druck und eine große Menschenmenge zu vermeiden, schwor Honnold seine Freunde zur Verschwiegenheit ein. Er trainierte fast zwei Jahre, übte die Strecke am Seil, beherrschte die Kunst jeder Bewegung, lernte jede einzelne Hand- und Fußhaltung und die Reihenfolge, wie diese eingesetzt werden mussten. „Honnold liebt keine Nervenkitzel. Er ist ein Perfektionist, der versteht, dass die Verwirklichung einer Aufgabe von der Beherrschung tausend kleiner Dinge abhängt.New York Times.

Freies Soloklettern trotzt aller menschlichen Logik. Wenn Sie scheitern, so wird die Schwerkraft Ihr Schicksal in die Hand nehmen. Und es gab viele Freikletterer, die bereits zuvor ein fürchterliches Los gezogen hatten. Warum sollte sich jemand also dafür entscheiden, an einem so gewagten und erbarmungslosen und nachtragenden Sport teilzunehmen? Viele Kletterer genießen die Einfachheit und Freiheit, die das freie Steigen mit sich bringt. Während dies auch für Honnold zutrifft, steckt jedoch noch mehr dahinter: „Letztendlich denke ich, dass der größte Reiz des Alleingangs darin besteht, meine Grenzen auszuloten und diese neu zu definieren und gleichzeitig meine Fähigkeiten im Klettern zu testen. Und das ist eine komplizierte Sache, denn ich werde es nicht immer so weiter machen können, ohne irgendwann versehentlich meine Grenzen zu finden.“ Rock and Ice.

Viele seiner Freunde und Angehörigen wollten nicht, dass er sich diesen Gefahren aussetzt und bezweifelten stark, dass dieses Unterfangen überhaupt möglich und erreichbar war. Das Risiko schien viel zu hoch. Eine falsche Bewegung, ein loser Stein, ein abrupter Wetterwechsel, ein kleiner Konzentrationsfehler und der Sieger in diesem Kampf Mann gegen Berg wäre der sichere Tod gewesen. „Free Soloing“ ist im Grunde ein Glücksspiel. Sie können sich entweder mit einem kleinen und leichten Felsen messen und ihn besteigen, bei dem das Risiko jedoch gering ist, aber die "Belohnung" wird ebenfalls eine kleine sei, oder Sie können einen 1.000 Meter hohen Felsen besteigen, der mit einem beträchtlichen Risiko versehen ist, aber dafür dann auch eine große "Belohnung" erhalten.

 

"Im Falle eines Spiels mit hoher Varianz verlieren Sie in der großen Mehrheit der Spielrunden, aber wenn Sie gewinnen, dann gewinnen Sie hoch.“ Casino Guru. Den statistischen Vorteil eines Casinos zu schlagen, wenn Sie ein Spiel mit hoher Varianz spielen, wird letztendlich durch den Zufall bestimmt, aber wenn Sie Glück haben, so wird Ihr Gewinn hoch sein. Das freie Solo-Klettern wird auch vom Zufall bestimmt, wobei der Fels den statistischen Vorteil hat. Wenn Sie jedoch Erfolg haben, ist die Belohnung unglaublich.

 

Während einige Experten feststellen, dass Honnold beim Aufstieg zum El Capitan Glück hatte, hat der Bezwinger mit Sicherheit nicht nur sich selbst die Daumen gedrückt und auf das Beste gehofft. Dieser Aufstieg wurde nicht aus einer Laune heraus versucht, er wurde mit exakter Präzision durchgeführt. Es bedurfte einer durchdachten Planung, wobei jede Bewegung im Voraus choreographiert und perfektioniert wurde. Es gelang ihm aktiv und effektiv, seine Überlebenschancen zu erhöhen, da er die Kletterroute ständig und sorgfältig mit einem Seil trainierte, bevor er erklärte, dass er bereit sei „zu klettern“ (seine eigene Beschreibung des freien Solos). Im Gegensatz zu einem Spiel mit hoher Varianz konnte Honnold das Risiko beträchtlich senken, aber Höhe der  Belohnung oder des Gewinns gleich hoch halten.

 

Obwohl er das Risiko verringert hat, ist sein seilloser Aufstieg auf El Capitan einer der gefährlichsten Vorhaben, die jemals umgesetzt wurden. Es gab keine zweite Chance. Honnolds körperliche und geistige Stärke ist unerklärlich. Was er erreicht hat, ist etwas jenseits unserer Vorstellungskraft und nähert sich den Grenzen der menschlichen Fähigkeiten. Es war wirklich die außergewöhnlichste Leistung in diesem Sport und zweifellos eine der bahnbrechendsten Klettererfolge, die es bisher gegeben hat.