Dizzy Errol

Musiker

von Portrait von Karoline Sielski Karoline Sielski
Veröffentlicht am 14. Mai 2012

Erzähl uns doch bitte etwas über Dich selbst – wo wurdest Du geboren? Wo lebst Du im Moment?

Dizzy Errol: Mein wirklicher Name ist Erol Dizdar! Mein Vater ist Türke und meine Mutter Deutsch. Die Schulpsychologen haben bei mir eine schwache Tendenz zu Authismus b.z.w. einem Asperger Syndrom festgestellt. Meine Kindheit war die Hölle! Die Schulpsychologen stellten allerdings auch bei einer Art Ergotherapie eine überdurchschnittliche Begabung für Musik bei mir fest. Bei meiner Großmutter habe ich mir auf einer Kinderplastikklarinette von Hohner, innerhalb von einer halben Stunde alle 18 Passagen vom Bolero, von Maurice Ravel, selbst beigebracht. Da meine Mutter öfter klassische Musik hörte, begann ich schon vor meinem 10 Lebensjahr, Synphonien in meinem Kopf zu komponieren, die ich mir alle Ton für Ton eine Zeit lang merken konnte. Ich flüchtete mich schon sehr früh in Taumwelten und philosophierte, da ich in einer Industriegegend aufgewachsen bin, über den Zusammenhang von Mensch und Maschine. Auch flüchtet ich mich zunehmend in die Welt der Musik.

"Da meine Mutter öfter klassische Musik hörte, begann ich schon vor meinem 10 Lebensjahr, Synphonien in meinem Kopf zu komponieren."

Ich bin in Melbourne, Australien geboren, da meine Mutter damals ein großes Freiheitsgefühl empfand, so weit wie nur möglich von ihrer Mutter entfernt zu sein. Das Englisch als Zweitmuttersprache sollte tief in meinem Unterbewusstsein gespeichert werden. Ich bin mit drei Jahren nach München gekommen und habe viel Zeit bei meiner Großmutter, der Mutter meiner Mutter, verbracht. Ich bin ständig zwischen meinem islamisch gläubigen Vater, meiner streng, katholischen Großmutter und meiner atheistischen Mutter hin und her geschoben worden.

Mein Leben bekam eine Wende, als ich 1989 mit Literatur in Kontakt kam. Mit Kafka und Dostojewsky begann meine Lesesucht, die dann schließlich auch meinen Freundeskreis änderte. Ich bin 1993 mit etwa fünf Jahre älteren Punks in eine Abbruch WG gezogen. Die dazu gehörige Musik waren die "Einstürzenden Neubauten", "Nick Cave & the bad seeds", "Tuxedomoon", "Joy Division", "Bauhaus", "Jesus & Mary Chain", "Butthole Surfers", "Iggy Pop", "David Bowie", "Velvet Underground"," Sonic Youth", "Trobbing Gristle", "Chrome", Jesus Lizard", "Psychic TV", "The Residents", Chrone Gen". Jedenfalls war das dieser Lifestyle, fast schon plakativ. Ich habe mich zunehmend mit der unterschiedlichsten Kultur befasst und mir selbst mehrere Musikinstrumente beigebracht. Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards, Bluesharp, Gesang und Komposition. Nach dem Zivildienst habe ich 10 Jahre im Pflegebereich gearbeitet habe (Krankenhäuser geputzt, Frühdienst im Altenheim, Haushaltshilfe für Rollstuhlfaher), habe ich bei einem tyrannischen Rollstuhlfahrer gekündigt, bei dem ich über vier Jahre Vollzeit gearbeitet habe, da Freunde von mir gemeint haben, ich müsse endlich was für mich tun. 2004 habe mich an der Akademie der bildenden Künste in München beworben und bin genommen worden. Im Jahr 2000 gründete ich mit Federico Sanchez, Theresa Gruber und Basti Meyerhöfer das musikalische Projekt "Kamerakino". Ich bin im Jahr 2006 aus dieser Band ausgestiegen, da das alles nicht mehr zu meinem Leben passte. Die Musik von Kamerakino war streng strukturiert, hatte deutsche Texte und war eine Mischung aus der Freizeit 81 Bewegung "Palais Schaumburg", "DAF", "Andreas Doraus, der Plan," 20er Jahre Varitee und Carl Orffs Schulwerk. Schnell bekamen wir einen Ruf und Federico hatte immer interessante Freunde um sich. Eines Tages kam Nick mcCarthy mit in den Übungsraum und spielte daraufhin Bass in diesem Projekt. Nachdem wir ein Album fertig hatten trennte sich Nick und ging zurück nach Glasgow, wo er mit "Franz Ferdinand" die ersten Demotapes aufnahm und uns vorspielte. Ich habe in der Zeit einen Großteil der Musik von Kamerakino komponiert und hatte diesbezüglich auch eine Selbstsicherheit. Als das mit Franz Ferdinands wie eine Bombe einschlug, durften wir als Vorband durch Europa touren. Da waren die ganz großen Bühnen. Open Airs, kreischende Teenies u.s.w. und die Presse kam in Frankfurt auf mich zu und schimpfte, daß das nicht gehen würde, daß man Kunst nicht in das große Popbizz miteinschleusen solle u.s.w.

Ich habe auch wieder mit Tom, der der Esoterik genauso feindseelig gegenüber eingestellt war wie ich, zusammen musiziert. Wir gründeten "Fehlfunktionkontrolle". Das war für mich substanziell und beschrieb mit englischen Texten, die ich mit Tom zusammen schrieb, eine dunkle Seite des Lebens mit einem hoffnungsvollem und  lebensermutigendem Ideal, was aber letztendlich, bis auf zwei niemals veröffentlichte Alben und dutzende Konzerte, mehr Therapie aus dem Underground und für den Underground war. Ich bin auch bei Kamerakino ausgestiegen, da mir das alles zu unterhaltsam wurde und bin zunächst bei Fehlfunktionkontrolle geblieben. Trotzdem betrachte ich Humor als eine lebenswichtige Angelegenheit. In verzweifelten Zeiten kann Sarkasmus lebensrettend sein. Wenn es einem etwas besser geht, entwickelt sich daraus Zynismus und wenn man innerlich ausgeglichen ist, neigt man dazu Humor zu haben. Leider ist das Problem von Humor oder Sarkasmus die Stigmatisierung des ganzen. Wenn man eine lustige Idee zum Dogma erklärt, verliert sie ihre Frische und Spontanität. Das fängt dann an zu nerven. Beiläufigkeiten sind die Gewürze des Lebens und entscheidende Dinge wie Tod oder Geburt verursachen pathetische Gefühle! Kunst darf nicht greifbar sein, sie soll alle Gefühle gleichzeitig ansprechen! Das Leben hat auch ganz viele Facetten und eine Situation kann zur selben Zeit komisch und dramatisch sein. Das ist der rote Faden meiner Musik, sie soll sein wie das Leben und das Leben ist komisch, unheimlich, dramatisch, traurig, witzig und pathetisch zugleich! Ich bin sehr oft mit dem Kopf gegen die Wand gerannt und habe schon in Studios eingesungen, mich mit ein paar 100 Euro zufrieden gegeben und bin dann in den Clubcharts in New York auf Platz Nummer 2 gelandet. Nick mc Carthy hat mir berichtet, daß der Song in Barcelona auf der afterhourparty vor den Megapromis bei den MTV avards gelaufen ist. Daß ich fame wäre, das Problem ist nur, daß mich niemand kennt, da ich keine Rechte für den Song hatte. Ich hab mich nicht darum gekümmert und hab mich mit den paar hundert Euro zufrieden gegeben, ganz situationistisch eben.

"Das ist der rote Faden meiner Musik, sie soll sein wie das Leben und das Leben ist komisch, unheimlich, dramatisch, traurig, witzig und pathetisch zugleich!"

Als ich 2004 mit Kamerakino Konzerte gegeben habe, spielten Freunde von uns (Daniel Murena & Joe Masi) öfter als Vorband. Seit Januar 2009 kann ich als Theaterkomponist, Musiker und als Quereinsteiger Dozent in der VHS mit gelegentlichen Konzerten als "Dizzy Errol", von der Musik existieren. Ich hatte auch 2009, 2010 und 11 wunderschöne Höhenflüge mit Erfahrungen in Großtheatern. 2009 münchner Kammerspiele, Freiburger Stadttheater "Orestie", 2010 Kulturfesttage im Ruhrgebiet.

Mir gefällt alles was echt ist und das ist stilistisch unbegrenzt. Das reicht von Stravinsky bis zu Woody Guthry, Hank Williams, BOB DYLAN, Leonhard Cohen, Joan Baez, Neil Young, Marianne Faithfull, Nico, Stockhausen, Can, Bartok, Kraftwerk, Ravel, bayerische Volkmusik, Marschmusik, Schlagermusik, Renaldo & the Loaf, the Residents, Max Goldt, Einstürzende Neubauten, viel englisches, swinging London aus den 60ern, BEATLES, the soft  maschine, Pink Floyd, SYD BARRETT, DAVID BOWIE, Black Sabbath, Kinks, Brain ENO, Devo, the Cure, Joy Division, Boomtown Rats, Lene Lovic, the Damned, the Stranglers, Sex Pistols, the Clash, Ultravox, Gary Numan, the legendary Pink Dots, Happy Mondays amerikanisches, VU, Iggy Pop, Ramones, the Doors, MC5, the Seeds, the Pretty things, Lightning Bolt, Beasty Boys, Nirvana, Melvins, B52s, das alles ist Musik, die mir nahe steht. Hinzu kommt Musik, die ich ebenfalls liebe wie z.B. guten echten Hip Hop aus der älteren Schule, James Brown, Otis Redding, Sly Stone, Prince, Muddy Waters, Bo Diddley, Reverent Davis, Sister Rosetta Tharpe, Howlin Wolf, Captain Beefheart & his magic Band, Captain Sensible u.s.w., die aber nicht so sehr zu dem passt, wie ich mich definiere, da ich Musik machen will, die das beschreibt, was um mich herum ist und die sich auch so anfühlt. Ich fühle mich z.B. sehr europäisch, da ich noch nie in den U.S.A. gewesen bin. Deshalb sind die stilmittel meiner Musik auch europäisch. Die schnittigsten grooves finde ich allerdings bei James Brown oder bei Prince!

Dizzy Errol - 2 Videos

Hast Du einen Lieblingsort in Deiner Stadt?

Dizzy Errol: Es gibt bei mir keinen Lieblingsort in der Stadt, da alle Orte von dem was ich gerade erlebe oder fühle jederzeit verändert werden können!!!

Bist Du ein richtiger Stadtmensch oder kannst Du auch problemlos in einer Berghütte oder auf einem Bauernhof leben?

Dizzy Errol: Ich bin ein reiner Stadtmensch und könnte niemals auf dem Land leben!!

Hast Du ein Vorbild? Mit welchem berühmten oder auch nicht berühmten Musiker würdest gern mal zusammen jammen?

Dizzy Errol: Da gibt es viele, mit David Bowie oder Roger Waters vielleicht?

Wenn Du einen anderen Beruf hättest wählen müssen, welcher wäre das? Oder welche andere Berufswahl wäre eine Alternative für Dich?

Dizzy Errol: Ich habe unglaublich viele Interessen! Ich liebe Geschichte, aber ich glaube Architektur wäre mein Ding, da kenne ich mich wirklich gut aus! Politik interessiert mich auch!

"Freiheit ist, immer ein Dogma zu durchbrechen."

Wie lautet Dein Lebensmotto?

Dizzy Errol: Neugierde ist das Elexier des Lebens, ohne Neugierde kann man nicht leben. Ohne Liebe ist alles nichts! Andererseits durchforsche ich leider schon viel zu lange die dunkle Seite des Lebens und immer dann, wenn ich in die helle will! Freiheit ist, immer ein Dogma zu durchbrechen. Freiheit ist nicht frei sein, Freiheit kann man sich nur gönnen dürfen, wenn man es kann! Freiheit ist ein Schlagwort, ich mag keine Schlagwörter!! Ich muß immer an allem zweifeln, bin immer rastlos. Wenn ich von etwas überzeugt bin, denke ich nicht rund. Wenn ich glaube zu wissen, weiß ich nichts!

"Wenn ich von etwas überzeugt bin, denke ich nicht rund. Wenn ich glaube zu wissen, weiß ich nichts!"

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Dizzy Errol: Cholerisch, nervenkrank, selbstzerstörerisch, zwangsneurotisch, gewissenhaft, oportunistisch, pedantisch, fleißig, liebevoll, fürsorglich, ehlich, verwirrt, pazifistisch, intellektuell, unprakmatisch und doch organisiert, romantisch, äußerlich attraktiv, musikalisch, hohes Verantwortungsbewusstsein, stressig, suchtgefärdet, zweifelnd, ohne Rückrad, innerlich brennend und unausgeglichen, ich kann mich nur sehr schwer wehren und lass mir immer zu viel gefallen. Das einzige, wo ich kompensieren kann, ist die Musik, da kann ich zum pedantischen Bandtyrannen werden (einmal habe ich meinen Bassisten auf der Bühne während eines Konzerts angeschriehen, der wollte daraufhin austeigen, weil ich ihm zu streng war. Außerdem hab ich Angst vor Schokolade. Schokophobie, kommt vom LSD)

"Das einzige, wo ich kompensieren kann, ist die Musik"

Mit was kommst Du gar nicht zurecht – sei es im Beruf oder privat?

Dizzy Errol: Am wenigsten komme ich mit Konflikten zurecht. Wenn zwei sich streiten und beide meinen ich solle nicht auf den anderen hören, nur er meine es gut mit mir! Ich habe extreme Konfliktprobleme, da lös ich mich völlig auf!

Was würdest Du tun, wenn Du nur noch einen Tag zu leben hättest?

Dizzy Errol: Da würde ich mich freuen und alles für meinen lieben Tod vorbereiten, Testament u.s.w. Zuletzt würde ich in Ruhe noch einmal alles imaginär durchgehen. 

Wenn Du mit Freunden ausgehen willst, wie stellst Du Dir einen perfekten Abend vor? Wohin würdest Du dann gehen?

Dizzy Errol: Ich finde die Frage im Vergleich zu den anderen zu flach!

"Was ist, ist, was nicht ist, ist möglich; nur was nicht ist, ist möglich."

Welche magische Kraft hättest Du gerne, wenn Du eine wählen könntest?

Dizzy Errol: Es gibt kein" wäre" oder" hätte". Es gibt nur das was ist! Andererseits gilt, "Was ist, ist, was nicht ist, ist möglich; nur was nicht ist, ist möglich. Ich würde mich gerne unsichtbar machen können!

Wer oder was ist Dir im Leben am Wichtigsten?

Dizzy Errol: Eine liebe Freundin zum liebhaben und verwöhnen und Musik!!

"Ich kann sehr asketisch sein!"

Gibt es zusätzlich etwas, für das Du Dich besonders engagierst?

Dizzy Errol:

Ich mache Politik, indem ich kein Auto fahre, kein McDonalds esse, keine Rolltreppe fahre, keine Ferreroprodukte kaufe, kein Nestlé, je weniger ich brauche, desto freier bin ich! Ich kann sehr asketisch sein! Außerdem spende ich für Oxfam!