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Stilistische Mittel der Fotografie – authentisch, zeitlos und lebendig

von Portrait von Christine Pittermann Christine Pittermann
Veröffentlicht am 21. Februar 2018

„Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.“, sagte schon Henri Cartier-Bresson, ein berühmter Schwarz-Weiß-Fotograf zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und seine Worte haben auch noch heute Relevanz. Wenn wir in unserem Alltag unterwegs sind, draußen auf der Straße oder auf dem Smartphone durch Facebook oder Instagram scrollen, immer und überall werden wir mit Fotos geradezu bombardiert. Denn wir Menschen sind visuelle Wesen. Nur wenige dieser Fotos haben aber eine solche Wirkung auf uns, dass wir sie länger als maximal eine Sekunde betrachten und oft haben wir sie 5 Minuten später wieder komplett vergessen. Woran das liegt und wie und wo man dieses Wissen nutzen kann, um die eigene Fotografie zu verbessern, darum geht es in diesem Artikel.

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Jedes Jahr kürt Flickr die beliebteste Kamera

In der Fotografie gibt es viele Regeln, die über die fast 200 Jahre der Fotografie-Geschichte von diversen großen Meistern entwickelt wurden und teilweise als notwendige und unausweichliche Anforderungen für gute Fotos dargestellt werden. An erster Stelle deshalb hier ein erster Hinweis: In der Fotografie gilt wie in allen Bereichen der Kunst, dass Regeln zwar eine gute und nützliche Ausgangsposition sind, aber es häufig zum künstlerischen Prozess gehört, dass Regeln gebrochen werden, um einen eigenen Stil zu entwickeln oder etwas Neues zu schaffen. Trotzdem ist es sinnvoll die Regeln zu kennen.

Die Bildkomposition als Alpha und Omega der Fotografie

Mit der Gefahr, selbst in die Falle des erhobenen Zeigefingers zu fallen, kann man die Bildkomposition als die vielleicht wichtigste Sache bezeichnen, über die man sich bei der Fotografie Gedanken machen kann. Aber was ist das überhaupt? Bei der Bildkomposition geht es um die große Kunst, Objekte im Bildausschnitt auf eine gewisse Art und Weise anzuordnen. Das hängt damit zusammen, dass es bestimmte Formen und Anordnungen gibt, die auf Menschen besonders angenehm wirken. Das können

- symmetrische Formen sein,

- Linien, die auf bestimmte Punkte zusammenlaufen oder auch

- Objekte im Bild, die es in verschiedene Bereiche unterteilen.

Ein guter Starttipp ist es, sich vor dem Foto Gedanken darüber zu machen, was man dem Betrachter mit dem Foto überhaupt sagen möchte, oder blumiger ausgedrückt: Welche Geschichte man mit dem Bild erzählen möchte. Durch Bildkomposition lenkt man in erster Linie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte Objekte, bestenfalls direkt auf das, was man im Vornherein überhaupt fotografieren wollte. Das ist das A und O der Fotografie. Ein Bild ohne eine ansprechende Komposition bleibt in den meisten Fällen nur ein Schnappschuss, den die Betrachter nach wenigen Minuten wieder vergessen haben. Da braucht es schon einen wirklich spektakulären Inhalt, um dies aufzuwiegen. Aber auch andersherum gilt zu beachten: Ein Foto mit einer perfekt inszenierten Komposition, welches einen tollen ersten Eindruck auf den Betrachter hat aber einen völlig belanglosen Inhalt vorweist, kann auf längere Sicht keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die Drittel-Regel und die Regel des Ungeraden

Eine sehr weit verbreitete Regel, die Fotografie-Neulingen meist zuerst nahegebracht wird und die auch mit Komposition zu tun hat, ist die Drittel-Regel. Sie ist wahnsinnig einfach und führt nahezu immer zu einem sehr ansprechenden Ergebnis. Das zugrundeliegende Problem ist, dass während Fotos in der Regel horizontal ausgerichtet sind, also breiter sind als hoch, (die meisten) Menschen vertikale Wesen sind. Das bedeutet, dass zum Beispiel bei Fotos von Menschen entweder der Mensch sehr klein dargestellt oder viel am Bildrand abgeschnitten wird. Dabei wird zunächst das Bild in neun Abschnitte eingeteilt, das heißt, sowohl in der Horizontalen, als auch in der Vertikalen gedrittelt. Dabei entstehen vier Schnittpunkte. Die Drittel-Regel besagt nun, dass das Objekt, welches man in erster Linie fotografieren will, auf zwei der vier Schnittpunkte liegen sollte.

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Dadurch entsteht natürlich viel leerer Raum, der mit irgendetwas gefüllt werden muss. Hier kann man als Fotograf selbst kreativ werden und beispielsweise mit der Schärfentiefe arbeiten, also wie viel des dreidimensionalen Raumes vor der Kamera im Fokus liegen soll. (Bitte nicht Tiefenschärfe sagen, denn die Tiefe hat keine Schärfe.) Bei Portraits wird von Profis oft eine möglichst geringe Schärfentiefe gewählt, um die Person möglichst stark vom Hintergrund zu isolieren, eben um die Aufmerksamkeit auf die Person zu lenken. Wichtig dabei: Der Mensch schaut (in der Regel) instinktiv auf die Augen anderer Personen. Deshalb sollten erstrangig auf die Augen einer Person scharf gestellt werden. Aber auch mit einer sehr hohen Schärfentiefe kann ein sehr nachhaltiger Bildeindruck erreicht werden.

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Wichtig bezüglich des leeren Raumes ist auch, darauf hinzuweisen, dass ein Bild ausbalanciert sein sollte, das heißt, der Bildinhalt in einem Drittel des Bildes sollte von einem Inhalt auf der gegenüberliegenden Seite ausbalanciert werden, denn Menschen empfinden Bilder mit wenig ausbalanciertem leeren Raum als unruhig. Im Beispielbild mit dem Einkaufswagen sind dies die beiden Autos links im Hintergrund. Hinzu kommt die sogenannte Kompositionsregel des Ungeraden, die empfiehlt, nach Möglichkeit eine ungerade Anzahl von Objekten oder Objektgruppen im Bild darzustellen, also eine, drei oder maximal fünf Objekte.

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Eine interessante Möglichkeit ist es, dies beispielsweise auf Fotos von Menschengruppen anzuwenden. Teilt man diese in drei Gruppen auf, oder vielleicht in Gruppen von je drei Personen, dann kann ein sehr außergewöhnlicher Bildeindruck entstehen. Wenn man sich dann das Zitat vom Anfang vor Augen führt, ist das auch genau das, was man erreichen will. Die Regel des Ungeraden hat sich in der Vergangenheit bei vielen berühmten Fotografen bewährt und zu eindrucksvollen und weltbekannten Fotografien geführt.

Der richtige Ort für das richtige Foto

Wo aber findet man den perfekten Ort zum perfekten Foto? Um diese Frage zu beantworten, muss man erstmal für sich entscheiden, was man denn fotografieren möchte. In den bisherigen Abschnitten ging es hauptsächlich um Portraitfotografie. Dabei ist es besonders wichtig, neben den zu fotografierenden Personen auch einen passenden Hintergrund zu wählen, der nach Möglichkeit etwas mit der Person zu tun hat. In jedem Fall lohnt sich immer ein Blick auf die Arbeiten von anderen Fotografen. Kein Künstler arbeitet nur für sich allein und entwickelt alle Ideen selbst. Jeder sucht sich bei anderen Inspiration und Anstoß zu neuen Ideen.

Gerade wenn es darum geht, etwas Kompliziertes zu fotografieren, wie Menschengruppen oder auch Geschehnisse auf Events, dann lohnt sich der Blick auf die Profis. Ein Experte der Sport- und Eventfotografie ist beispielsweise Fabian Grubler, der regelmäßig und erfolgreich bei Pokerevents fotografiert. Besonders durch sein Spiel mit kräftigen Farben wird die Spannung eines Pokerturniers besonders lebendig. Wenn man hingegen lieber eine Landschaft fotografieren will, ist es ratsam, sich erst einmal mit offenen Augen in der Region umzusehen. Welcher Standort bietet eine besonders gute Perspektive? Oder: Welcher Standort bietet vielleicht eine Perspektive, die einen neuen, unbekannten Blick auf eine Landschaft wirft. Welche Orte bleiben vielleicht sogar den Augen der Menschen für gewöhnlich gänzlich verborgen?

Ganz ähnlich ist es bei Architekturfotografie. Hier sind besonders bei modernen Gebäuden Linien sehr wichtig. Von welchem Ort aus laufen besonders viele Linien zusammen oder – wie auch bei jeglicher Objektfotografie – wie kann durch natürliche Linien im Bild der Blick der Betrachter auf ein bestimmtes Ziel gelenkt werden? Diese ganzen Fragen sollte man sich als Fotograf stellen bevor man auf den Auslöser der Kamera drückt. Dann kann man auch sicher sein, dass das Bild, welches entsteht, den gewünschten Eindruck auslöst und länger die Aufmerksamkeit auf sich zieht als nur eine Sekunde.