Trottwar Verkäufer in Reutlingen - (c) Alexander Kappen © Alexander Kappen

Der Kult-Trottwar-Verkäufer in Reutlingen

von Portrait von Alexander Kappen Alexander Kappen
Veröffentlicht am 13. Juni 2017

„Die kennen mich hier alle in der Stadt“, sagt Trottwar-Verkäufer Günter Steininger stolz. Er steht oder besser sitzt täglich in seinem mitgebrachten Stuhl vor dem Kaufhaus Breuninger und verkauft im roten Kittel die Trottwar-Magazine. Mit dabei sind immer seine zwei kleinen Hunde „Micki“ (5 Jahre) und „Rambo“ (16 Jahre). Die sind genauso beliebt wie Günther und zahlreiche Kinder bleiben stehen, um die beiden süßen Racker zu streicheln. Aber auch viele Erwachsene verweilen kurz bei Günther und unterhalten sich mit dem 48-Jährigen. Sie fragen ihn wie es geht und nehmen auch das eine oder andere Trottwar-Heft mit. „So macht es echt Spaß zu leben“, freut sich der Reutlinger. Aber es war nicht im-mer so sonnig in seinem bewegten Leben. Günther musste auch schwere Zeiten durch machen.

In Lörrach (Schwarzwald) geboren und aufgewachsen, lernte er Flugzeugmechaniker und machte hier drin sogar den Meistertitel. Dann aber kam Günther durch einen Gefängnis-Aufenthalt auf die „Platte“. „Ich hatte im Streit meinen Vater halbtot geschlagen und musste dann vier Jahre wegen Körperverletzung absitzen“, erinnert sich der 48-Jährige an ein dunkles Kapitel seines Lebens.
„Nach dem Knast hatte ich keine Wohnung mehr und musste auf der Straße schlafen“, sagte Günther mit Tränen in den Augen. Diese Zeit habe seiner Gesundheit gar nicht gutgetan – deshalb bevorzugt es der Trottwar-Verkäufer eben auch in einem Stuhl zu sitzen anstatt zu stehen. „Ich musste damals bei Minusgraden draußen pennen und hatte immer wieder Erfrie-rungen“, erinnert sich der Reutlinger. „Ich war ganz unten und auch meine Frau hatte mich verlassen“, erinnert er sich. Heute aber hat sich fast alles zum Positiven verändert.

„Es ist echt der Wahnsinn, was man dank Trottwar erreichen kann“, sagt Günther glücklich. Mittlerweile hat er wieder eine Wohnung in Reutlingen gefunden. Eine neue Frau ist auch an seiner Seite und vor kurzem hat er sogar seinen Auto-Führerschein gemacht. „Ich will mir so eine dreirädrige Ape leisten“, hat der kräftig gebaute 48-Jährige sein Ziel klar vor Augen. Zudem sei er seit 20 Jahren „trocken“, also ohne jeglichen Alkoholgenuss. „Mir ist das einfach wichtig, dass ich gut rieche wenn ich in der Fußgängerzone unter vielen Menschen bin“, sagt der sympathische Günther. Die Leute in der Fußgängerzone erfreut der 48-Jährige nicht nur mit den bunten Trottwar-Heften, sondern auch durch das Drehorgel spielen. So ein Instrument kaufte er sich für mehrere tausend Euro: „Die Musik liebe ich, weil das immer gute Laune bringt“.

Diese gute Laune hat er aber nicht immer: „Zu mir sind 80 Prozent der Leute nett, die anderen 20 Prozent mögen meine etwas kritische Art nicht“, sagt er. Er kam nämlich schon vor, dass der 48-Jährige Dinge in Reutlingen, die ihm nicht gepasst haben, lautstark in der City ange-prangert habe. „Das schafft eben nicht nur Freunde“, weiß Günther. Freunde hat der Reutlin-ger mittlerweile aber in ganz Baden-Württemberg. Die hat er noch zu Zeiten seiner Obdachlo-sigkeit kennengelernt. Damals zog er durchs ganze Ländle auf der Suche nach Hilfe. Die alten Kameraden besucht er nun regelmäßig. Vieles hat sich aber geändert: Neben einer Wohnung hat er nun Job, Wohnung, eine feste Partnerin und auch Visionen für die Zukunft: „Irgend-wann fahre ich mit meiner Ape durch die große weite Welt“, weiß Günther und bekommt feuchte Augen…