Im Interview mit Dr. Gunther von Hagens

von Portrait von Arzu A. Kayvani Arzu A. Kayvani
Veröffentlicht am 1. Januar 1970

"29. November 1713: Erste Sektion einer Leiche in Berlin Erst vor wenigen Monaten inthronisiert, verfügte der 25jährige König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740; König seit 1713) per Cabinets-Ordre mit Datum vom 26. November 1713 die Eröffnung eines Königlichen Theatrum anatomicum. Bereits drei Tage später drängelten sich an die 100 professionelle Heilkundler unterschiedlicher Couleur … um einen günstigen Platz für die erste Sektion einer menschlichen Leiche in der Residenz- und Hauptstadt des Königreiches Preußen zu ergattern. … Die Einladung für eine der Sektionen lautete: »Die Erkänntniß seiner selbst nach der Natur recommendiret Allen und Jeden...." (© Edition Luisenstadt, 1997, www.luise-berlin.de)

Grund für diesen, zur damaligen konservativen und gottesfürchtigen Zeit eher „offenen“ Umgang mit menschlichen Leichen, war ein ganz pragmatischer. König Friedrich Wilhelm I. wollte maßgeblich seine Armeeärzte dazu verdonnern, sich mit der menschlichen Anatomie bestens vertraut zu machen, um eine optimale medizinische Versorgung seiner geliebten Armee zu gewährleisten. Die gottesfürchtigen Untertanen des Königs waren zum einen entsetzt und abgestoßen, ganz so wie es ihnen der Klerus vorgab, aber auch angezogen von dem Kuriosen, was sie da erwartete.

Vielleicht ist uns heute der Klerus weitgehend schnuppe, aber der Gedanke an sezierte Leichen jagt uns noch immer kalte Schauer über den Rücken. Denn obschon Anatomie, Pathologie und Sektionen heute zum alltäglichen medizinischen Handwerk gehören und auch aus spannenden Krimis und Filmen wohl nicht mehr wegzudenken sind, verursacht die Öffnung einer Leiche und die Zurschaustellung ihres Innersten bei Vielen noch immer ein unbehagliches Gefühl.

Wir erinnern uns, welches Raunen durch die Reihen der Bevölkerung ging, als Dr. Gunther von Hagens erstmals am 30. Oktober 1997 im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim plastinierte menschliche Körper ausstellte. Und bis heute ist die Ausstellung Körperwelten aufgrund seiner Exponate nicht unumstritten.

Von Hagens versichert, dass alle Präparate von Menschen stammen, die zu Lebzeiten freiwillig schriftlich darüber verfügt haben, dass sie nach ihrem Ableben mit der Ausstellung ihres Körpers zur medizinischen Aufklärung in den KÖRPERWELTEN / BODY WORLDS sowie dem Verkauf an Lehr- und Forschungseinrichtungen einverstanden sind.  Das von ihm 1982 ins Leben gerufene Körperspende-Programm zählt heute weltweit über 12.000 Spender - eine schier unfassbare Zahl derer, die ja wissen, was mit ihnen nach ihrem Ableben geschieht. Doch die Spender sind sich einig: sie wollen mit ihrer Körperspende "einen bescheidenen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung, Bildung und medialen Konfrontation leisten". Ob dieser Beitrag so bescheiden ist, darüber lässt sich streiten. Eines ist jedoch klar, ohne Körperspender wäre die Fertigung der faszinierenden Plastinate nicht möglich und den Interessierten wären die einzigartigen Einblicke in den menschlichen Körper versagt. Und das Interesse ist riesig. Die Ausstellung Körperwelten / Body Worlds erfreut sich bis heute einer ungebremsten Beliebtheit. Nach Aussage von Hagens sollen die Ausstellung bisher etwa 30 Millionen Menschen in mehr als 50 Städten gesehen haben. Das ist beachtlich.

Nach Körperwelten präsentierte Dr. Gunther von Hagens gemeinsam mit seiner Frau, der Kuratorin Dr. Angelina Whalley die Ausstellung Körperwelten der Tiere. Hier werden nie dagewesene Einblicke in die Anatomie, Nervensystem, Knochenbau, Muskulatur und Organe von Tiere geboten – von der winzigen Schnecke bis hin zum gigantischen Elefanten.

"Die Ausstellung leiste einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz und unterstütze den pädagogischen Anspruch des Zoos", so von Hagens. Und auch hier wird versichert, dass alle plastinierten und ausgestellten Tiere eines natürlichen Todes gestorben sind. Tiere zu verspeisen sei viel schlimmer, als sie auszustellen, sagt von Hagens, als sich auch hier wieder die ersten kritischen Stimmen erheben.

Trotz seiner schweren Parkinson- Erkrankung hat mir Dr. von Hagens ein kurzes Interview gestattet.

Ganz zu Anfang, als Körperwelten zum ersten Mal gezeigt wurde, waren viele der Besucher fasziniert, ganz viele aber auch abgestoßen und hatten ethische Bedenken. Konnten Sie diese Bedenken verstehen bzw. haben diese Stimmen Sie je zum Nachdenken gebracht, ob Sie mit der Plastination aufhören wollen?

Sex und Tod sind beides Tabuthemen, die ich aus der Ecke des Verruchten hervorrücke und in Kombination ins Rampenlicht der Öffentlichkeit stelle. Seit meiner Erfindung der Plastination an der Universität Heidelberg im Jahr 1977 habe ich trotz aller Kritik nie an meiner Arbeit gezweifelt. Im Gegenteil: Kritik ist Ansporn für mich weiter zu machen und mein Tun immer wieder kritisch zu überdenken. Wer eine solch kontroverse Lebensaufgabe hat, nämlich die Anatomie und damit ein Stück weit auch die menschliche Sterblichkeit, die größte Beleidigung des Menschseins, zu demokratisieren, der muss mit Kritik umgehen können. Gerade als ehemaliger DDR-Bürger und deren ehemaliger politischer Häftling, fühle ich mich sogar wohl in der täglichen Kontroverse zu stehen, dem Treibstoff jeder demokratischer Auseinandersetzung.

Was ist anders daran, Tiere zu plastinieren? Ist das Verfahren schwieriger als bei menschlichen Körpern? Und wenn ja, weshalb?

Nach vielen hundert Plastinationen kenne ich den menschlichen Körper inzwischen wie meine Hosentasche. Doch bei den Tieren fühle selbst ich mich wie ein Forscher auf anatomischer Entdeckungsreise. Je größer sie sind, desto größer ist die anatomische und technologische Herausforderung. Zum Vergleich: Für die Plastination eines Menschen brauchen wir 1.500 Stunden. Die Giraffe hat 14.000 Stunden gedauert, Elefant „Samba“, das Highlight der KÖRPERWELTEN der Tiere im Kölner Zoo, sogar 64.000 Stunden bzw. 2,5 Jahre. So entpuppte sich die Präparation des Elefanten auch als mit Abstand am schwierigsten. Allein für das Bearbeiten einer einzigen großen Muskelpartie benötigten Experten meines 30-köpfigen Teams oft mehrere Wochen, ein einziges Bein dauerte ein ganzes Jahr. Grund war die sehr aufwendige Entfernung der bindegewebigen Muskelhülle von der riesigen Muskulatur des Elefanten. Diese haftet viel stärker auf der Muskeloberfläche als beim Menschen. Dies war uns vorher trotz Vorbereitung nicht bewusst – auch weil es über die Anatomie des Elefanten nur sehr spärliche Fachliteratur gibt.

Was ist die nächste Herausforderung?

Was die Präparation von Tieren angeht, wäre die Plastination eines Blauwals die größte Herausforderung. Aufgrund meiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung möchte ich jedoch vorrangig in den mir verbleibenden Jahren noch eine ganze Serie technologischer anatomischer Entwicklungen zur Patent- und Produktreife bringen, die ich in den letzten 35 Jahren in meinem Kopf entwickelt habe. Ferner möchte ich noch die Brücke zwischen Anatomie und Kunst schlagen. So schweben mir als finale Lebensarbeiten anatomische Meisterwerke vor, die ich mehr für Ausstellungen in Kunstmuseen weltweit denn in den KÖRPERWELTEN sehe.

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen viel Glück für die Ausstellung "Körperwelten der Tiere" und warten gespannt auf all das, was noch kommen wird.

Auf anatomischer Safari

Dr. Gunther von Hagens wurde 2010 mit dem Health Media Award für sein Lebenswerk geehrt.

Mehr Informationen unter www.koerperweltendertiere.de