Gesellschaftskritik im Urbanen Blickfeld - Künstler bei Cologne CityLeaks

von Portrait von Desiree Borsky Desiree Borsky
Veröffentlicht am 6. September 2013

Im Rahmen des zweiten CityLeaks Festivals in Köln kommen wieder zahlreiche lokale und internationale Künstler nach Köln und drücken dem Stadtbild ihre persönliche Note auf. Dabei geht es nicht nur um reine Dekoration grauer Stadtmauern, sondern um Aufdeckung aktueller Missstände, die man sich im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen halten sollte.

Vom 02. bis zum 22. September kann man sich in Köln Künstler bei der Arbeit an der Wand an verschiedenen Locations anschauen, Stadtteilführungen machen, aber auch indoor zu Ausstellungen, Performances und Filmvorführungen gehen. Die Events von CityLeaks sickern in alle Ritzen der Stadt und machen die Veranstaltung zu einem durch und durch allumfassenden urbanen Festival.

Wir haben uns drei Werke von Künstlern aus der Gegend genauer angesehen.

 

Am Ehrenfeldgürtel 83 schaffen zwei Mitglieder des Kölner Künstlerkollektivs Captain Borderline, A.Signl und B.Shanti, ein Bild zum Thema „totale Überwachung“. Das dritte Mitglied im Bunde, Dabtar, malt in der Alsenstraße 25-27. Wir haben A.Signl und B.Shanti bei der Arbeit besucht und mehr über die Hintergründe des Street-Artisten-Daseins und ihre Motivation erfahren.

Der Name Captain Borderline, früher nur Borderline, hat nicht wirklich etwas mit dem Borderline-Syndrom zu tun, sondern soll das Leben an der Grenze widerspiegeln. Laut A.Signl haben sich die Mitglieder besonders zu Anfang ihres Schaffens - was vor circa achtzehn Jahren begann - auf der Grenzlinie zwischen normalem Leben in der bestehenden Gesellschaft und verrücktem Graffiti Wahnsinn bewegt. Der Captain im Name kam später als klärende Abgrenzung zur psychischen Krankheit hinzu. Sie möchten die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem erforschen: wie weit darf man gehen, was darf man zeigen - auch in der urbanen Kunst. Gleichzeitig soll dadurch der Horizont erweitert und neue Dimensionen geschaffen werden.

Für die Verwirklichung von Street-Art braucht man allerdings mehr als nur gute Ideen. Es steckt viel Vorbereitung hinter einem vollendeten Kunstwerk. Materialien und Gerätschaften müssen besorgt werden und eine Wand darf natürlich auch nicht fehlen. Captain Borderline werden von dem Kölner Kunst und Kultur Verein colorrevolution e.V. unterstützt. Vieles ist gesponsert, so werden zum Beispiel die Arbeitsbühnen, die A.Signl und B.Shanti benutzen um das großflächige Bild zu kreieren, gratis vom GL Verleih zu Verfügung gestellt. Die Wand am Bahndamm wurde von der Deutschen Bahn zur Bemalung freigegeben. Schon früher in diesem Jahr, vor ein paar Monaten, hat colorrevolution die Verschönerung einer großen Wandfläche direkt neben dem Eingang zum Bahnhof Ehrenfeld organisiert. Hier kamen verschiedene Künstler zusammen, darunter ist auch ein Beitrag von Captain Borderline.

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Colorrevolution steht aber nicht nur für die reine Stadtverschönerung. Es geht auch um eine geistige und gesellschaftliche Revolution. Durch die Bemalung soll unter anderem Werbefläche für Konsumgüter verringert und der Platz für andere Aussagen genutzt werden. Die Botschaft des aktuellen Werks lautet: Es herrscht totale Überwachung. Gerade jetzt durch den NSA Skandal wurde bekannt, was wir eigentlich schon alle wissen, aber irgendwie trotzdem niemanden so richtig interessiert.

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Laut A.Signl war Captain Borderline der Protest und die Reaktion darauf „zu mau“, deswegen wollen sie das Thema künstlerisch aufnehmen und sichtbar machen. Das Werk ist noch nicht fertig. Bis jetzt besteht das Bild nur aus den Farben grau, schwarz und weiß – passend in das Szenario einer George Orwell 1984-Welt in der wir alle Roboter sind, überwacht, kontrolliert und ferngesteuert werden. Ein riesiger, stählerner Raubvogel (vielleicht ein 'Regierungs'-Adler?) thront mit Kameras an Stelle von Augen über einer schemenhaft zu erkennenden Konturen-Masse aus folgsamen Schafen.

Wir sind gespannt auf das vollendete Ergebnis, was man sich in ungefähr einer Woche am Ehrenfeldgürtel anschauen kann.

Das neue Werk von Octagon ist nicht weit entfernt unter der Hochbahn auf dem Parkgürtel zwischen Escher- und Nussbaumerstraße zu finden. Sein Stil ist laut CityLeaks Webseite ein „Mix aus Grafik, Abstraktion und Realismus“. Das Werk an der Autobahnauffahrt in Köln erinnert an die Transformers, es hat etwas von Science-Fiction und klassischem Graffiti Tag-Schriftzug.

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Klaus Klinger aus Düsseldorf gilt als „Pionier der Wandmalkunst“, er schafft riesige Murals, die sich kritisch mit der politischen und gesellschaftlichen Situation unserer Zeit auseinandersetzen. Aktuell arbeitet er gemeinsam mit den Düsseldorfer Kollegen MaJo Brothers in der Liebigstraße 70 an einem riesigen Wandbild eines Computers, der von Käfern überfallen wird. Wo liegt hier der „Systemfehler?“, ist die Natur ein Störfaktor in der Welt der Technik? (Update 11.09.) Der Computer wird von Feuerwanzen befallen, das ganze ist also doch eher ein Kommentar zu den aktuellen Spy-Prism-NSA Diskussionen.

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Alle Veranstaltungen und weitere Informationen zum Festival findet ihr auf der CityLeaks Webseite.