Im Interview mit Tony ONeill über sein Buch Sick City

von Portrait von Arzu A. Kayvani Arzu A. Kayvani
Veröffentlicht am 1. Januar 1970

SICK CITY – Die Geschichte zweier Junkies, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die sich zusammen getan haben, um den großen Coup zu landen.

 

In der Entzugsklinik des berühmt-berüchtigten Dr. Mike, der bekannt ist durch seine Drogenentzugs-Realityshow im Fernsehen, lernen sich Randal und Jeffrey kennen. Randal kommt aus gutem und reichem Hause und ist das schwarze Schaf der Familie, das immer wieder vom Chauffeur der Familie zugedröhnt und vollgepinkelt von irgendeiner Straßenecke aufgesammelt werden muss. Jeffrey ist Stricher und hat Jahre lang mit seinem älteren Geliebten Bill  in dessen Haus zusammen gelebt. Dieser segnet jedoch bereits zu Anfang des Buches das Zeitliche. Jeffrey steht nun ganz alleine da und weiß zunächst nicht, wie es für ihn weitergehen soll. Niemand wusste von der Beziehung, auch Bills Familie nicht, und so hat Jeffrey keinerlei Ansprüche. Er packt seine Habseligkeiten zusammen, erinnert sich an ein Sextape mit Sharon Tate in Bills Safe und nimmt es mit.

 

In der Entzugsklinik freunden sich Jeffrey und Randal an und beschließen, dass für sie von nun an ein neuer Lebensabschnitt beginnen soll. Sie wollen den großen Coup landen und Sharon Tates Sex-Video zu Geld machen – zu 3 Millionen Dollar.  Es beginnt die rasante Geschichte dieser zwei durchgeknallten Drogenfreaks, die  willens sind, ihr Leben in den Griff zu kriegen, es aber immer wieder schaffen, sich in unmögliche Situationen zu bringen. Man sympathisiert mit ihnen, lacht über sie, hofft, dass sie es schaffen und weiß in seinem tiefsten Inneren jedoch ganz genau, dass sie sich wieder selbst ein Bein stellen werden.

 

Doch SICK CITY handelt nicht nur von der Geschichte um Randal und Jeffrey, von Dr. Mike, von Drogensumpf und Kriminalität. Es handelt auch von der Stadt, ihren düsteren und dreckigen Seiten, von ihrem Verfall und von den Menschen, die dort jeden Tag leben und überleben .

 

Tony O’Neill weiß, wovon er spricht. Selbst jahrelang schwer Heroin abhängig, hat er es geschafft, sein Leben in den Griff zu bekommen und neu anzufangen. Geholfen haben ihm dabei seine Familie und das Schreiben.  Ich hatte Gelegenheit, mit Tony über sein neues Buch und sein Leben zu sprechen:

 

Ich hätte niemals erwartet, dass mich ein Buch über zwei verrückte Drogensüchtige derart amüsieren könnte. Wie entstand die Idee zu Sick City?

Tony O’Neill: Vieles davon entsprang meiner eigenen Erfahrung als Drogensüchtiger in Los Angeles und meiner Erfahrung mit anderen Junkies, Verrückten und anderen Leuten am Rande der Gesellschaft, mit denen ich zusammen gelebt und abgehangen habe, als ich dort lebte. Und Du hast recht, es ist lustig! Und ich glaube, dass ist es, was viele vergessen, wenn sie versuchen, über Drogensucht zu schreiben. Jeder möchte es als ein dunkles, unerbittliches Übel zeichnen, doch oft ist es auch ganz anders. Meistens ist es doch so, dass Du umgeben bist von einem Haufen von Leuten, die außerhalb der “normalen” Gesellschaft leben und so am Rande existieren. Aber gewöhnlich sind viele von ihnen in erster Linie ziemlich extreme Persönlichkeiten. Schmeiß doch mal eine Handvoll Drogen in diese Mischung und Du wirst eine ganz explosive Kombination schaffen.

Als ich drogenabhängig war, empfand ich die Heroinsucht als eine Art Karriere für mich und ich habe mich voller Stolz bemüht, der beste Junkie der Welt zu sein. Du musst wirklich sehr belastbar und geradezu besessen in Deiner Entschlossenheit sein, es von einem zum nächsten Tag zu schaffen, ohne umgebracht, fertig gemacht, krank oder verhaftet zu werden.

 

Denkst Du, dass Leute, die nie etwas mit Drogen oder Süchtigen zu tun hatten, die Situationskomik und den Humor Deines Buches verstehen werden?

Tony O’Neill: Doch, das denke ich schon. Das Zentrum der Geschichte sind zwei Charaktere, die in der Tat die einzig ehrlichen und anständigen Menschen im Buch sind. Die versuchen, zurecht zu kommen und vielleicht dabei ein bisschen Geld dabei zu machen. Sie sind halt zufällig Drogensüchtige. Und sie machen sich nicht einmal die Mühe, zu verbergen, was sie sind. Im Gegenteil, sie genießen es sogar irgendwie. Und sie geben ihre Hoffnung sogar noch im Angesicht all der schier unüberwindbaren Hindernisse nie auf und halten fest daran, dass sich etwas Gutes für sie entwickeln wird.  Ich denke also nicht, dass der Leser sich im Drogenmilieu auskennen muss, um Spaß an Sick City zu haben. Ebenso wenig, wie der Leser von Moby Dick sich mit Walfischen auskennen muss.

 

Wie hast Du es geschafft, von den Drogen loszukommen? Hast Du Hilfe in Anspruch genommen, Dich in eine Klinik einweisen lassen?

Tony O’Neill: Also, ich habe zunächst das Übliche versucht und Methadon genommen. Einer der Kliniken, die ich damals aufgesucht habe, lag in Hollywood. Um 9 Uhr morgens musstest Du dort mit Deinen 12 Dollar in der Hand aufschlagen, mit all den anderen Junkies anstehen und für Deine tägliche Dosis Methadon zahlen, die in den folgenden Tagen ständig reduziert wurde. Der Plan war es, Dich zu entwöhnen. Die gleiche Klinik haben aber auch Transsexuelle aufgesucht, die nach ihrer geschlechtsangleichenden OP untersucht und mit Medikamenten versorgt werden wollten. Stell Dir also die Szene vor, wo in einem Wartezimmer zur Hälfte schlotternde kranke Junkies und zur anderen Hälfte verrückte, schreiende transsexuelle Prostituierte sitzen, die sich später draußen auf dem Parkplatz gegenseitig mit  Rasierklingen und ihren Stilettos attackieren.  Die Transsexuellen hatten zudem ein recht gutgehendes Nebengeschäft, indem sie ihre Schmerzmedikamente an die Junkies verkauften, sobald die die Klinik verließen.

Na jedenfalls, nachdem sie Deine Dosis dann wiederholt gekürzt haben, reichte die Menge von Methadon, die sie dir gegeben haben, nicht einmal aus, um Deine Übelkeit zu kurieren. So nach ein paar Wochen bröckelt da die Entschlossenheit des Durchschnittsjunkies und anstatt für eine winzige Schale Methadon anzustehen, geht er in die Stadtmitte, um mit seinen 12 Dollar statt dessen Heroin zu kaufen, das er schon für 7 Dollar das Tütchen kriegt. Das macht er dann so lange, bis es ihm wieder richtig dreckig geht und er sich wieder für das Programm bewirbt. Es ist wohl unnötig zu sagen, dass das nicht funktioniert hat.

Danach fand ich mich in einer Drogenentzugsklinik eines Caritativen Einrichtung wieder, wo ich sehr viel Inspiration für die Entzugsszenen in Sick City bekommen habe. Es war ein 12 Stufen Programm mit täglichen Anonyme Narcotics Treffen, so ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern. Ich habe es gehasst. Alleine der Gedanke, dass ich alle Drogen und den Alkohol aufgeben sollte, keine Sauftouren mehr, kein Gras, nichts – das war wirklich eine Art Vertragsbruch für mich. Ich war gerade mal Mitte 20 und der Gedanke zu leben wie mit 80, ohne Drogen oder Alkohol, klang für mich eher wie lebenslänglicher Knast statt eines erstrebenswerten Ziels.  Nachdem meine 30 Tage Abstinenz um waren, nahm ich den Bus in die Innenstadt und war high, noch bevor ich es zurück zu meiner Wohnung schaffte. Das hat also auch nicht funktioniert.

Letztlich bin ich in London clean geworden. Kurz vor der Geburt meiner Tochter habe ich erkannt, dass ich nicht gleichzeitig Vater und ein Heroinabhängiger sein konnte. So sehr ich das Heroin auch liebte, aber meine Tochter war mir wichtiger und sie war die Chefin, die es nicht dulden würde, dass etwas zwischen sie und mich kam.  Also beschloss ich,  mit den Drogen aufzuhören. Ich machte den kalten Entzug ohne Methadon und meine Frau spielte den Babysitter, als ich durchdrehte. Ich will nicht leugnen, dass es hart war. Und viele Male war ich kurz davor, rückfällig zu werden. Aber ein Kind zu haben half mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf etwas anderes, als mich abzuschießen. Das war vor acht Jahren und ich habe diese Entscheidung nie bereut.

 

Was hälst Du von TV Shows wie Celebrity Rehab mit Dr. Drew? Eine Figur in Deinem Buch, Dr. Mike, weist ja einige Ähnlichkeiten mit Dr. Drew auf und Du hast ihn ja nicht besonders sympathisch gezeichnet.

Tony O’Neill: Nun, ich finde Dr. Drew auch nicht besonders sympathisch. Ich denke, er ist eine ziemlich zynische und ausbeuterische Persönlichkeit. Hier in den USA gibt es ein ganzes Genre an Sendungen genau wie Celebrity Rehab. Ich sehe sie mir manchmal an und ich hasse sie meistens. Und ganz besonders verachte ich Dr. Drew. Er bringt seinen dummen moralischen Ansichten in diese ganze Drogendebatte. Meine Meinung zur Drogensucht ist, einfach alles zu legalisieren. Es steht dem Staat einfach nicht zu, darüber zu entscheiden, was wir unseren Körpern zuführen und was nicht. Legalisiere alles, besteuere und kontrolliere es und entziehe dieses Geld den ganzen Gangstern und Kriminellen. Dr. Drews Meinung zur Drogensucht dient einfach nur dazu, sein eigenes Business zu erhalten. Wenn Du Witzbolde wie Dr. Drew fragst, dann ist alles eine Sucht. Er spricht über Leute, die abhängig von Cannabis sind, von Sex oder was auch immer und das ist einfach nur pure Fantasie.  Er ist in einem Geschäftszweig, der Süchte erfindet und Leuten versucht einzureden, dass sie krank sind. Er ist schließlich im Entzugs-Business. Und je mehr Menschen daran glauben, dass sie süchtig und krank sind, desto mehr Geld verdient er. Das meiste, worum es bei dem Entzug geht, ist Unfug. Das, was die Leute wirklich brauchen, ist eine überwachte Entgiftung bzw. mit Unterstützung einer sicheren Dosis von legalen Narkotika. Alles andere ist Augenwischerei. Mal ehrlich, was ist schlimmer? Ein Drogendealer, der sein Geld auf Kosten von Süchtigen damit verdient, Drogen zu verkaufen und ihnen letztlich etwas Greifbares verkauft. Oder Leute wie Dr. Drew, die ihr Geld auf Kosten von Drogensüchtigen damit verdienen, ihnen Schall und Rauch zu verkaufen?

 

Sag mal, ist da was dran an der Geschichte mit dem Sex Tape von Sharon Tate?

Tony O’Neill: Das ist ein Großstadtmythos, die Art von Geschichten, die ab und an in Hollywood umhergeistern. Viele von ihnen drehen sich um Tate und die Manson Morde. Diese Vorfälle haben noch immer einen realen Bezug zu den Fantasien in Hollywood. Auch wenn nichts Wahres dran ist an den Geschichten, aber wer weiß das schon? Es ist doch faszinieren, dass möglicherweise doch etwas dran sein könnte…

 

Wo ist Sick City?

Tony O’Neill: Jede Stadt hat ihre Krankheit, das ist es ja, was mich so fasziniert. Ich habe Städte schon immer geliebt, ich liebe das Düstere, den Dreck und die Millionen von Menschen, die alle um ihren Platz kämpfen. Ich fühle mich inmitten von Bäumen und Feldern nicht wohl. Wie schon ein berühmter Sänger sagte: „Meine Lieblingsplätze sind Parkplätze“. Wenn ich diese Mal in Europa bin, werde ich auch dort nach dem Abschaum und dem Düsteren suchen, das ist schon mal sicher.

 

Jetzt lebst Du in New York. Ist das Leben für Dich in Big Apple einfacher? Oder lass es mich so ausdrücken: Ist es für Dich hier einfacher, Dein neues Leben ohne Drogen und mit einer Familie zu führen?

Tony O’Neill:  Ja, das ist es auf jeden Fall. Ich habe hier nicht die Vergangenheit, die ich in L.A. oder London habe. In der ersten Zeit nach dem Entzug wäre es für mich schier unmöglich gewesen, in L.A. zu bleiben, ohne rückfällig zu werden. Da ist zu viel Versuchung. So erschien mir N.Y. wie eine sichere Sache. Ich weiß, dass es all das auch hier gibt, aber solange ich nicht aktiv auf die Suche danach gehe, weiß ich nicht wo. Jetzt liegen die Dinge ganz anders. Ich war auch wieder in L.A., sogar in meiner alten Nachbarschaft. Ich wollte mal sehen, was sich verändert hat. Der Drang ist nicht mehr so stark, wie früher. Er ist immer noch da, und ich befürchte, er wird nie ganz verschwinden, aber ich kann besser damit umgehen. Außerdem habe ich im Schreiben von Büchern eine Obsession gefunden; eine, die ein bisschen produktiver ist.

 

Früher hast Du Musik gemacht und hast mit großen Musikern wie Marc Almond oder Kelli Ali gearbeitet. Wie bist Du zur Schriftstellerei gekommen?

Tony O’Neill: Um ehrlich zu sein, ich hatte mit meiner Musik einen Weg beschritten mit Drogen  und ich war so niedergebrannt mit meiner Heroinsucht, dass ich so einfach nicht mehr weiter machen konnte. Es ist wirklich hart auf Tour zu gehen, wenn Du so ein Laster hast. Ich habe immer eine Mundwasserflasche mit Methadon mit mir herumgeschleppt und musste in jeder Stadt, in der wir gelandet sind, erst einmal die Lage checken und auf die Suche nach Drogen gehen. Das kann ganz schon tough sein, wenn Du niemanden da kennst. Und als ich weg kam vom Heroin, war ich monatelang krank und depressiv. Ich habe angefangen zu schreiben, um bei Sinnen zu bleiben und nicht durchzudrehen. Es war wirklich eine Art Therapie für mich. So ist mein erstes Buch autobiografisch und handelt von meiner Zeit als Junkie in Hollywood. Es entstand DIGGING THE VEIN und es war wirklich harte Arbeit. Doch als ich fertig war und alles noch einmal gelesen habe, wusste ich, dass ich mich wahrscheinlich freigestrampelt hatte. Schreiben gibt mir eine Art von Befriedigung, die mir sogar weder Musik noch Heroin jemals geben konnten. Ich weiß nicht, woher die Idee des Schreibens kam, aber es war für mich sicherlich verdammtes Glück, dass sie kam.

 

Wird es wieder Musikprojekte von oder mit Dir geben?

Tony O’Neill:  Nicht mehr für mich. Ich bin neuerdings glücklich damit, mir Musik einfach nur anzuhören.

 

Gibt es Ideen für ein neues Buch?

Tony O’Neill:  Ich habe gerade erst die Fortsetzung zu Sick City fertig geschrieben. Es heisst BLACK NEON: Und wenn ich erst einmal diese Lesetour zu SICK CITY hinter mich gebracht habe, werde ich meine ganze Energie in die Herausgabe dieses Buches stecken.

 

Viel Erfolg dabei ! Und vielen Dank für das nette Interview!