"Lotta Wundertüte. Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl"

von Portrait von Susanna Salber Susanna Salber
Veröffentlicht am 4. Februar 2014

Die Journalistin Sandra Roth lebt mit ihrem sechsjährigem Sohn, ihrer dreijährigen Tochter und ihrem Mann in Köln. Kurz vor Lottas Geburt stellten die Ärzte die seltene Gefäßfehlbildung Vena-Galeni-Mailformation fest. Das die Krankheit im 9. Monat erst diagnostiziert wird, sieht Sanrda Roth als Glück, denn dadurch entscheidet sie sich für ihre Tochter. Heute ist Lotta zu 100 Prozent schwerbehindert. Lotta sieht kaum, kann weder krabbeln noch gehen und sie wird dies auch alles niemals tun können.

Das Buch setzt bei der Diagnose mit dem 9. Monat der Schwangerschaft der Autorin ein. Sandra Roth erfährt nicht, wie sehr ihre Tochter beeinträchtigt sein wird, doch sie könne abtreiben. Aber: “Lotta ist schon Lotta, sie ist schon eine kleine Schwester, eine Tochter. Sie tritt, sie strampelt, sie kämpft. Sie gehört zu uns. Wir können sie nicht töten. Oder?”

Lotta Wundertüte ist genau wie Lottas Leben: Aufregend, belastend, teilweise lacht man bis die Tränen kommen und es ist vor allem unvorhersehbar. Sandra Roths Offenheit und Ehrlichkeit sind überwältigend. Sie schönt keinen Moment. Dadurch sind auch all die glücklichen Momente, die sie beschreibt authentisch. Kein Kitsch, keine Nahaufnahme großer Krokodilstränen. Im Prolog fragt sich die werdende Mutter eines Jungen mit Trisomie 21: „Was wenn ich ihn nicht lieben kann?“ Diese Frage hallt Sandra noch Jahre nach. Diese ist nur eine von ganz vielen Fragen, die Sandra Roth stellt und das ist meiner Meinung nach sehr mutig, denn es sind heikle Fragen: „Nach welchen Kriterien entscheiden wir, welches Kind wir zulassen – und welches nicht?“ … „Welche Defekte lassen wir zu, welche nicht?“ Die Frage was ein Kind erfüllen muss um leben zu dürfen. Sandra Roth gibt auch viele Antworten, doch sie erhebt nie den moralischen Finger. Sie gibt selbst zu, dass sie nicht weiß, ob sie sich genauso entschieden hätte, wenn sie diese Diagnose früher bekommen hätte.

Sandra Roth präsentiert auch verschiedene Seiten der Gesellschaft. Da ist Lottas Bruder Ben, der überzeugt ist, dass seine Schwester alles kann und tut während die anderen schlafen. Es gibt die imense Zahl an Abtreibungen bei Föten, die unter Trisomie 21 leiden, und die Menschen, die Lotta sehen und sagen: „Wussten Sie das nicht vorher? Das muss doch nicht sein.“ Doch Lotta muss sein! Weil man von Kindern wie Lotta unendlich viel lernen kann: Immer höher, immer weiter, immer besser. Was ist mit denen, die keine Chance haben mitzuhalten? Von Lotta kann man lernen, was wirklich im Leben zählt.

Roths Buch "Lotta Wundertüte. Unser Leben im Bobbycar und Rollstuhl" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.